Frau Le Guennec, Veolia bietet Lösungen und Dienstleistungen für die nachhaltige Reinigung und Aufbereitung von Wasser. Wenn Sie Ihren Wasserhahn aufdrehen: Wie hat Ihr Beruf Ihre persönliche Sicht auf diese alltägliche Ressource geprägt?
Ich habe Ingenieurwesen studiert und früh in meiner Karriere an der Planung von Wasseraufbereitungsanlagen mitgewirkt – das hat mein Bewusstsein dafür geschärft, wie komplex die Versorgung mit dieser Ressource ist. Wenn ich meinen Wasserhahn aufdrehe, sehe ich deshalb mehr als nur Wasser: Ich sehe eine ganze Bandbreite von Technologien, das Fachwissen meiner Kolleginnen und Kollegen, Chemie, Daten sowie eine hohe Ingenieurskunst. Ich denke auch an die Anlagen und Systeme, die dabei im Hintergrund arbeiten und an Teams, die um 3 Uhr nachts den Durchfluss überwachen – damit überall, wo jemand einen Wasserhahn aufdreht, alles wie erwartet läuft. Ich frage mich längst nicht mehr „Was kann das Wasser für mich tun?“, sondern „Wie können wir sicherstellen, dass die Wasserversorgung für alle weiterhin funktioniert?“
Wo liegen derzeit die größten Herausforderungen für eine nachhaltige Wasserwirtschaft?
Um die öffentliche Gesundheit zu schützen und die Industrie am Laufen zu halten, dürfen wir Wasser nicht mehr als Einwegressource betrachten. Bei Veolia gehen wir dieses Problem an, indem wir die Wiederverwendung in großem Maßstab vorantreiben. Jede Branche muss in der Lage sein, ihr verbrauchtes Wasser so weit wie möglich wiederzuverwenden, um ihre Unabhängigkeit und Leistungsfähigkeit zu gewährleisten, ihren ökologischen Fußabdruck zu verringern und dieses Wasser sogar an Dritte weiterzugeben. Es besteht auch die Möglichkeit, Abwasser als Energiequelle zu nutzen. Es geht zum einen also um die Menge des Wasserverbrauchs, zum anderen aber auch um Sicherheit. Wir beobachten einen massiven Anstieg von Mikroverunreinigungen und PFAS – Substanzen, die in unserem täglichen Leben allgegenwärtig sind.
Nachhaltigkeitsstrategin
Anne Le Guennec (geb. 1975) leitet das Wassertechnologie-Geschäft von Veolia und ist Vorstandsmitglied der Veolia-Gruppe unter CEO Estelle Brachlianoff. Sie startete ihre Karriere im Unternehmen im Jahr 1998, nach ihrem Abschluss an der Technischen Universität Compiègne. Le Guennec hatte Führungspositionen in den Geschäftsbereichen Abfall, Wasser und Energie in Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika inne. Mit mehr als 20 Jahren Erfahrung im Betriebsmanagement, der Geschäftsentwicklung und Innovation ist sie seit 2023 CEO des Bereichs Wassertechnologien. Unter ihrer Führung treibt das Unternehmen strategische Schwerpunkte wie das GreenUp-Programm voran. In ihrer Freizeit fotografiert sie gerne, geht joggen, spielt Golf und liest. Zu ihren Lieblingsbüchern gehören „Shibumi” von Trevanian und „Wellness” von Nathan Hill.
Wie unterstützt Veolia dabei, diese Herausforderungen zu bewältigen?
Unsere Stärke liegt in der Breite unseres Portfolios, unserer 170-jährigen Erfahrung und unserer globalen Präsenz. Diese ermöglicht es uns, weltweit erprobte Verfahren an lokale Herausforderungen anzupassen. Beim Thema Sicherheit spielt außerdem unser Kreislauf-Ansatz eine wichtige Rolle. Nehmen wir das Beispiel PFAS: Veolia ist eines der wenigen Unternehmen, das diese Stoffe zerstören kann. Unsere End-to-End-Lösungen reichen von der Probenahme und Analyse bis hin zur verantwortungsvollen Abfallbehandlung. Auf der Grundlage unserer Expertise haben wir 2024 unser strategisches GreenUp-Programm ins Leben gerufen. Unser Ziel ist es, die Umsetzung bestehender Lösungen zu beschleunigen und Innovationen voranzutreiben. Damit wollen wir unseren Kunden helfen, bis zum Jahr 2027 1,5 Milliarden Kubikmeter Wasser einzusparen und 18 Millionen Tonnen CO₂ zu kompensieren.
Wo sehen Sie dabei das größte Potenzial?
Das größte Potenzial sehe ich in Anlagen, die ihr Wasser- und Energiemanagement aufeinander abstimmen können. Wir brauchen Energie, um Wasser aufzubereiten – und für die Energieerzeugung ist Wasser wiederum unverzichtbar. Wir haben Lösungen, mit denen wir Klärschlamm in Energie umwandeln, die Wasseraufbereitung optimieren und damit den Stromverbrauch senken sowie die Energieeffizienz der Anlagen verbessern können.
Welche Rolle spielen Automatisierung und Messtechnik bei den nachhaltigen Wasserlösungen von Veolia?
Die von uns konzipierten Trinkwasser- und Abwasseraufbereitungsanlagen müssen mit fortschrittlichen Messgeräten und Automatisierungslösungen ausgestattet sein, damit genaue Daten für die Optimierung der Produktion vorliegen. Die Messgeräte von Endress+Hauser liefern hier zuverlässige und wichtige Informationen, um Prozesse zu verbessern. Endress+Hauser hat wie wir europäische Wurzeln und ist weltweit tätig. Wir haben in den Bereichen Wasser-, Energie- und Abfallwirtschaft viele gemeinsame Projekte in verschiedenen Ländern wie den USA, Frankreich, Saudi-Arabien, China, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Kolumbien.
Wie muss die ökologische Transformation gestaltet werden für Sie und Ihre Kunden?
Wir haben uns von einem Wasser-Unternehmen zu einem Wasserwissenschafts-Unternehmen gewandelt. Das bedeutet, wir entwickeln Innovationen, um Wirtschaftlichkeit mit Ökologie und sozialer Verantwortung in Einklang zu bringen. Auch dank unserer mehr als 4.000 Patente im Bereich Wassertechnologie können wir hier Ergebnisse garantieren. Viele Kunden, mit denen ich mich unterhalte, bezeichnen Wasserqualität und Wasserknappheit als strategische und wirtschaftliche Risiken – es kommt vor, dass uns Bürgermeister oder Werksleiter wegen Dürreproblemen oder Überschwemmungen um dringende Hilfe bitten. Wir implementieren die für unsere Kunden und für uns wirksamsten und kostengünstigsten Lösungen, um den Zugang zu Wasser zu gewährleisten und eine kontinuierliche Versorgung sicherzustellen. Durch die Umwandlung von Abfall in Energie oder von Abwasser in Frischwasser lassen sich Kosten senken und Ressourcenknappheiten verhindern. Angesichts der Unsicherheit, in der wir leben, wird den meisten Menschen inzwischen eines klar: Die Kosten, nichts zu tun, sind höher als die Kosten, jetzt zu handeln. Wenn wir mit unserer patentierten Technologie und unserem technischen Know-how den Energieverbrauch einer Entsalzungsanlage um 35 Prozent senken können, schonen wir nicht nur die Umwelt, sondern machen es für eine Stadt auch erschwinglich, ihre Bevölkerung mit Wasser zu versorgen. Kosten werden so zu rentablen und nachhaltigen Investitionen.
Welches Potenzial bieten Digitalisierung und KI für Ihr Unternehmen?
Digitalisierung und KI bilden das Nervensystem unserer Prozesse. Im Jahr 2025 haben wir unsere KI-Fähigkeiten innerhalb unserer Abläufe weiter ausgebaut, so dass unsere Teams nun in der Lage sind, Wasser-, Abfall- und Energieanlagen mithilfe fortschrittlicher Systeme zu steuern, die sie bei der Entscheidungsfindung unterstützen.
Marktführer mit klarer Mission
Veolia ist ein weltweit führender Dienstleister mit Geschäftsaktivitäten in den Bereichen Wasser, Abfall und Energie. In mehr als 48 Ländern unterstützt das Unternehmen Kommunen und Industrien dabei, Ressourcen zu entwickeln, zu bewahren und zu erneuern. Die Gruppe hat sich die ökologische Transformation als klare Ausrichtung gegeben und Umweltsicherheit als strategisches Ziel gesetzt. Veolia wurde 1853 unter dem Namen Compagnie Générale des Eaux gegründet, hat seinen Hauptsitz in Paris, Frankreich, beschäftigt 215.000 Mitarbeiter (Stand: 2025) und erzielte im Jahr 2025 einen Umsatz von 44,4 Milliarden Euro.
Wie bewahren Sie Ihren Innovationsvorsprung?
Wir analysieren ständig zukünftige Markttrends, um proaktiv auf die Bedürfnisse unserer Kunden eingehen zu können. Derzeit unterstützen wir beispielsweise den Boom in der Pharma- und Mikroelektronikbranche, indem wir unseren Kunden modernste Reinstwasserlösungen anbieten und Kompetenzzentren einrichten, um sie dort über diese Technologien zu informieren und sie zu schulen. Ein wichtiger Teil des Erfolgsgeheimnisses ist es zudem, bescheiden zu bleiben. Wir wissen, dass wir kein Monopol auf gute Ideen haben, deshalb arbeiten wir mit agilen Start-ups und Universitäten zusammen, um neue Impulse zu generieren. Nur durch Zusammenarbeit können wir einen bedeutenden Beitrag zur Bewältigung der ökologischen Notlage leisten. Kein Unternehmen, egal wie groß es ist, hat eine alleinige Patentlösung für den Klimawandel.
Was müssen Partner mitbringen, damit eine Zusammenarbeit erfolgreich ist?
Wir suchen Partner, die wie wir Berge versetzen wollen und dazu ihr Fachwissen und ihre Innovationskraft einbringen. Veolia hat außerdem eine neue Art von Partnerschaft ins Leben gerufen, die darauf abzielt, verschiedene Interessengruppen – Forscher, Wissenschaftler, Fachleute aus der Industrie, Geldgeber, NGOs, Start-ups und Experten von Veolia – in Workshops zusammenzubringen, um komplexe Themen wie Mikroverunreinigungen anzugehen. Wir möchten Ideen austauschen, neue Lösungen finden sowie kurz- und mittelfristig konkrete Maßnahmen umsetzen.
Greenup-Strategie
Mit dem GreenUp-Programm will Veolia die ökologische Transformation vorantreiben. Das Programm, in das gezielt Milliarden-Investitionen fließen, konzentriert sich auf die Umsetzung praktischer Lösungen in drei Feldern: der Entgiftung, Dekarbonisierung und Regeneration von Ressourcen. Veolia hat außerdem drei vorrangige Geschäftsbereiche – seine „Wachstumsmotoren“ – festgelegt, die das Unternehmen als besonders wirkungsvoll erachtet: Lokale Energie und Bioenergie, Wassertechnologien und neue Lösungen und Behandlung gefährlicher Abfälle.
Was zeichnet die Partnerschaft von Veolia und Endress+Hauser aus?
Endress+Hauser unterstützt uns in unseren drei Kerngeschäftsbereichen: Wasser, Energie und Abfall. Unsere Partnerschaft basiert auf einem gemeinsamen Verständnis von Präzision. Indem wir hochpräzise Sensoren in die Konstruktion von Wasser-, Energie- oder Abfallaufbereitungsanlagen oder sogar direkt in unsere eigenen Geräte integrieren, arbeiten wir gemeinsam daran, die Anlagen unserer Kunden in Echtzeit zu optimieren. Außerdem ist unsere Zusammenarbeit von technischem Vertrauen geprägt: Da wir wissen, dass wir absolut zuverlässige Daten erhalten, können wir unsere Innovationen vorantreiben und unseren Kunden Ergebnisse garantieren.
Die ökologische Transformation erfordert Durchhaltevermögen. Wie bleiben Sie in Zeiten des raschen Wandels und der Unsicherheit motiviert und optimistisch?
Die negativen Schlagzeilen zum Klimawandel können einen leicht überwältigen. Aber wenn man sieht, wie eine Gemeinde, die unter Wasserknappheit leidet, eine neue, zuverlässige Wasserquelle erschließt oder wie eine Fabrik 98 Prozent ihres Wassers erfolgreich recycelt, ist es sehr schwer, pessimistisch zu sein. Ich bleibe auch deshalb optimistisch, weil ich jeden Tag miterlebe, mit welcher Geschwindigkeit unser GreenUp-Plan umgesetzt wird. Wenn man erkennt, dass Umweltsicherheit nicht nur bloße Theorie ist, sondern bereits umgesetzt wird, dann erscheint die globale Unsicherheit weniger bedrohlich – sie bietet vielmehr die Chance, eine Führungsrolle zu übernehmen. Die Zukunft gehört denen, die handeln!